Warum ich nach acht Jahren der VFX Branche den Rücken kehre

geschrieben am 10.02.2019 in Persönliches

Am 4. April 2011 trat ich meine erste Stelle nach dem Studium als Compositing Artist bei INFECTED Postproduction in Hamburg an. Ursprünglich wollte ich zum Film und visuelle Effekte für Kinoblockbaster produzieren, abgefahrene Welten kreieren über die die Menschen reden und in denen sie gerne Zeit verbringen. Herr der Ringe, Star Wars und Harry Potter z.B. spielten in Universen von denen ich bis heute noch glaube das Menschen sie sich angucken um dem Alltag zu entfliehen oder für ein paar Stunden in eine fremde Realität einzutauchen.

Genau das wollte ich, visuelle Welten bauen in denen der Zuschauer seinem inneren Kind das Ruder übergibt und einfach mal loslässt. Ließt sich erstmal recht romantisch... oder schmalzig. Der Masterplan für dieses ambitionierte Ziel war: In der Werbung zu starten und zu versuchen mit den dort gelernten Qualitäten irgendwann die Brücke zum sog. Feature-Film zu schlagen.

Dazu muss ich evtl. erläutern das die Ansprüche in der Werbung wesentlich höher sind als im Spielfilmbereich. Ein 30 Sekünder der am Abend 15 mal im TV läuft hat weniger Raum für Unvollkommenenheiten als ein 90 Minüter den man sich alle paar Jahre mal wieder anguckt... zumindest redete ich mir das damals ein.

Ich glaube eines der größten Probleme damals, war meine Ungeduld. Ich war zu hungrig, ich wollte alles und am besten gleich. Das das nicht geht, hab ich wohl erst kapiert als ich nach fast 4 Jahre der Festanstellung im Krankenhaus landete weil ich eines Morgens nicht mehr geradeaus laufen konnte. Irgendwas war komisch mit meinem Gleichgewichtssinn... ich hatte keinen mehr. Was genau die Ursache davon war weiß ich bis heute nicht. Um es zu vereinfachen antworte ich immer mit "Burnout", wenn mich jemand fragt. Sicher bin ich mir aber nicht. Auf jeden Fall war das für mich der Anlass meine damalige Festanstellung zu kündigen und mich selbstständig zu machen.

Es fällt mir heute noch schwer einzuschätzen ob das der richtige oder der falsche Schritt war. Ich bereue den Schritt zwar nicht, aber wenn ich in der Zeit zurück reisen könnte, würde ich ALLES anders machen. Versteh mich nicht falsch, die Zeit war teilweise sehr aufregend und lehrreich. Ich bin quer durch Europa von von Job zu Job gereist, ich hab mit verrückten russischen Agenturen und noch abgedrehteren chinesischen Marketingabteilungen gearbeitet.Die Krönung von allem waren jedoch 4 Wochen in NewYork an einem "Superbowl Spot" zu arbeiten. Leider musste ich in dieser Zeit auch eine menge Dreck fressen. Nicht zahlende Kunden, Rufmord, komplette Beratungsresistenz und das schlimmste von allem: Die gnadenlose Desillusionierung.

Erinnerst du dich noch daran das ich gesagt hab ich wollte eigentlich zum Spielfilm? Einige kurze aber tiefe Einblicke in der VFX Branche im Feature Film trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich will nicht zu weit ausholen, aber mit dem romantischen Gedanken "Welten zu erzeugen" hat das ganze wirklich überhaupt nichts zu tun. Fließbandarbeit, Preis-Dumping und die völlige Abwesenheit jeglicher Wertschätzung gegenüber der Arbeit oder des Artist selber treffen da wesentlich besser zu. Diese Branche wird von Preisschildern getrieben und nicht von kreativen Ideen oder dem Wunsch Grenzen zu sprengen. Wie erhalte ich das bestmögliche Produkt mit dem minimalsten finanziellen Aufwand. Das ist ja auch vollkommen ok und mit Sicherheit ist das mein eigener Fehler das ich damit nicht klar gekommen bin, aber das ganze Konstrukt hat für mich dann leider nicht die Zukunftsperspektiven die ich mir ausgemalt hatte.

Nach intensiven Fortbildungsmaßnahmen, die ich neben meinem "Daily Business" im vergangenen Jahr absolvierte und einer für mich selber überraschend kurzen Bewerbungsphase, trete ich nun ab dem 01.04.2019 eine Festanstellung als Software-Entwickler in Hamburg an. Wie um alles in der Welt ich auf die Idee komme Programmierer zu werden statt digitales Bewegtbild zu bearbeiten, werde ich nochmal in einem gesonderten Post behandeln. Ich freue mich auf jeden Fall tierisch darüber einen neuen Abschnitt zu beginnen und das letzte Kapitel ad acta zu legen. Natürlich hab ich enormen Respekt dieses "neue Feld" zu betreten und werde viel Arbeit und Zeit investieren müssen um den Anforderungen gerecht zu werden, aber das ist für mich der einzige Weg der Sinn macht.

Ich bin erleichtert darüber die alte Branche hinter mir lassen zu können, die ich in den letzten Jahren leider mehr hassen als lieben gelernt habe und trotzdem schleichen sich bei mir jetzt gerade die "Graduation Goggles" ein. Obwohl 8 Jahre eigentlich keine lange Zeit ist und ich leider überwiegend negative Erfahrungen sammeln musste, will ich diese Zeit nicht missen und blicke mit dem sprichwörtlichem lachendem und weinendem Auge zurück.


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